Unser Umfeld beeinflusst uns, egal ob wir wollen oder nicht. Trends sind so eine Sache, die unsere Vernunft gerne einmal zum Aussetzen bewegt und dafür sorgt, dass wir plötzlich Dinge begehren, die kurz zuvor noch nicht mal ansatzweise den Fokus unserer Aufmerksamkeit gestreift haben.
Seit einer Weile ertappe ich mich immer wieder dabei, wie ich mit Parkas im Camouflage-Look liebäugele. Definitiv eines dieser fiesen unterschwelligen Trendgelüste, halten sich die wild gemusterten Stücke doch nun schon seit einer Weile hartnäckig auf den It-Listen diverser Modemagazine, -plattformen und Blogs. Doch so sehr mir aktuell das nur allzu gut bekannte "Habenwollen"-Gefühl anhaftet: Nach wie vor bin unschlüssig, ob ich mir tatsächlich ein Exemplar zulegen soll.
Das Problem dabei, eigentlich ein ganz simples: Im Großen und Ganzen bin ich Pazifist – zumindest würde ich mich so bezeichnen. Gewalt löst bei mir Abscheu aus und Krieg halte ich für eine der schrecklichsten "Erfindungen" der Menschheit. Wie anhand des Namen schon deutlich wird, ist Camouflage-Kleidung aber genau mit diesen beiden Aspekten von Grund auf fest verknüpft. Jacken, Hosen und andere Kleidungsstücke in Tarnfarben sind in erster Linie eine Funktionskleidung, die es Soldaten innerhalb ihres Einsatzgebietes ermöglichen soll, sich besser vor dem Feind zu verbergen. Stellt sich also die Frage: Was drücke ich denn dann eigentlich aus, wenn ich mir nun eine solche Jacke überwerfe? Wirke ich damit vielleicht wie ein Waffennarr, der Gewalt und Krieg verherrlicht? Oder noch schlimmer: Präsentiere ich mich damit vor allem im aktuellen Kontext als eine Person, die blind jedem noch so kleinen Trend folgt. Die Oberfläche zelebriert und in etwa die Tiefe eines Toastbrots besitzt? Denn, mal ehrlich: Krieg ist in der Regel etwas, in das Menschen unfreiwillig hineingeraten. Ich würde an dieser Stelle einmal behaupten, dass bis auf einige wahnwitzige Ausnahmen sich wohl niemand freiwillig in eine Situation begibt, in der er täglich sein eigenes Leben bedroht sieht.
Mal davon abgesehen ist das Problem mit den modischen Trends irgendwie doch auch ein altbekanntes: Seit Jahrzehnten eignet sich der Mainstream immer wieder bestimmte, vornehmlich stilistische, Codes aus Subkulturen, politischen Bewegungen und anderen Bereich an und verzerrt ihr eigentliche Bedeutung zugunsten der Massentauglichkeit. Inhalt wird dabei in der Regel zurückgedrängt, während der rein ästhetische Gestus zunehmend in den Mittelpunkt tritt. Das funktioniert eine Weile. Wird dann aber doch recht schnell langweilig. Es kommt zu Übersättigung. Langeweile kommt auf. Etwas neues, vermeintlich spannenderes muss her. Dahinter bleibt von textiler Seite betrachtet nicht selten eine Schrankleiche zurück, die ziemlich wenig mit der eigenen Überzeugung zu tun hat. Die modische Verarbeitung der Punkbewegung der 70er ist nur ein Beispiel. Der Hipster schließlich scheint aktuell der Inbegriff solcher veräußerlichter Codes.
Was also jetzt mit dem Jackenproblem anfangen: Wenn ich so darüber nachdenke tendiere ich doch dazu, diesen Trend einfach Trend sein zu lassen und nicht auf den Tarnfarbenzug aufzuspringen.
Doch kann man das Ganze nicht auch irgendwie von einer ganz anderen Seite betrachten: Könnte man denn nicht auch so argumentieren, dass die Mode mit diesem Look ein Stück weit die aktuellen gesellschaftlichen und politischen Ereignisse widerspiegelt? In einer Zeit, die durch Wirtschaftskrise, arabischem Frühling, Regimestürze und der Angst vor einem nahenden Atomkrieg geprägt ist, wollen wir uns mit unserem neuentdeckten Army-Look am Ende vielleicht auch nur tarnen. Uns verstecken, vor einer Welt, von der wir längst das Gefühl haben, sie nicht mehr kontrollieren zu können. Oder kann man am Ende vielleicht sogar soweit gehen und argumentieren, dass wir durch ein bewusstes Tragen dieser Jacken inmitten unserer urbanen Alltagsrealität den ursprünglichen Code bewusst ins Gegenteil verkehren – Camouflage sozusagen seines eigentlichen Zwecks entheben und dadurch modisch ein Statement setzen? Indem wir die vermeintliche Funktionskleidung zu einem Trendstück machen, einem gewöhnlichen Kleidungsstück zum täglichen Gebrauch, zeigen wir am Ende vielleicht nur umso deutlicher, unsere Anti-Haltung gegenüber Krieg und Gewalt.
Ein kompliziertes Thema, bei dem ich nach wie vor nicht wirklich schlauer bin.
In diesem Sinne: Pro oder Contra, Hop oder Top, machen oder bleiben lassen.